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28.12.2025
17:39 Uhr
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Die Schauspielerin Judi Dench hat ein Buch über Shakespeare geschrieben. Hier erklärt sie, warum der sie nie loslassen wird – und weshalb sie die Bühne dem Film vorzieht.

DIE ZEIT: Frau Dench, Shakespeare begleitet Sie schon Ihr Leben lang. Wie sind Sie ihm das erste Mal begegnet? Judi Dench: Ich muss etwa acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als mein älterer Bruder Peter in einer Schulaufführung von Macbeth mitspielte und in der Rolle des Königs Duncan sagte: "What bloody man is that?" (Dt.: Welch blut’ger Mann ist dies?) Ich dachte da, bei Shakespeare wird geflucht, das ist ja absolut wundervoll! ZEIT: Warum hat ausgerechnet dies bei Ihnen so viel ausgelöst? Dench: Vom Inhalt des Stückes verstand ich damals wenig, aber ich glaube, ich spürte, dass die Sprache von Shakespeare, ihr Rhythmus, wie ein Herzschlag ist. Später als Schauspielerin konnte es vorkommen, dass ich den Text vergaß und ins Stocken geriet. Da sagte ich einfach bloß die Silben auf. Bei Shakespeare kam ich manchmal damit durch. ZEIT: Erinnern Sie sich an einen Auftritt, wo Ihnen das gelang? Judi Dench: Nein, aber ich erinnere mich an einen anderen Abend. Ich war bereits bei der Royal Shakespeare Company in Stratford angestellt und gerade frisch mit meinem Ehemann Michael Williams verheiratet. In der Rolle von Portia in Der Kaufmann von Venedig sollte ich sagen: I speak too long, but ’tis to peize the time / To eche it, and to draw it out in length / To stay you from election. (Dt.: Zu lange red ich, doch nur um die Zeit / Zu dehnen, in die Länge sie zu zieh’n / Die Wahl noch zu verzögern.) Stattdessen sagte ich aber: To stay you from erection. (Dt.: Euch abzuhalten von der Erektion.) Die Musiker im Orchestergraben mussten vor Lachen ihre Instrumente niederlegen und sich hinter der Bühne beruhigen. ZEIT: Abseits der Bühne sollen Sie auch gerne mal fluchen. Ihr Co-Autor, der Schauspieler Brendan O’Hea, soll Hunderte Flüche aus dem Transkript Ihres gemeinsamen Buches Shakespeare – Der Mann, der die Miete zahlt getilgt haben. Gibt es einen Fluch bei Shakespeare, den Sie besonders mögen? Dench: Eine hervorragende Frage! In Heinrich V. sagt eine Figur zur anderen: Will you shog off? (Dt.: Wollt Ihr wohl abhauen?) Das ist doch wunderbar, so expressiv und gegenwärtig. ZEIT: An einer anderen Stelle im Buch sagen Sie, um kreativ zu sein, müsse man das innere Kind in sich bewahren. Wie haben Sie das über eine Karriere von fast 70 Jahren geschafft? Dench: In mir steckt gar nicht viel von einem Erwachsenen! Ich glaube, als Schauspielerin nimmt man sich leicht zu ernst, und das ist fatal. Man sollte die Dinge nicht zu kompliziert machen und sich die Unschuld, Neugier und Verspieltheit bewahren. ZEIT: Ihre erste professionelle Rolle hatten Sie im Jahr 1957 als Ophelia in Hamlet am prestigeträchtigen Old Vic Theatre in London. Sie kamen damals direkt von der Schauspielschule, und Ihre Besetzung war eine Sensation, die bis zur Premiere geheim gehalten wurde. Im Buch erzählen Sie, dass Sie sich damals nicht getraut hätten, auf der Bühne "weniger zu tun". Was meinen Sie damit? Dench: Als junge Schauspielerin, noch dazu direkt von der Schule, die ihr Glück kaum fassen kann, dass sie in einer Hauptrolle in einem berühmten Ensemble mitspielt, will man alles tun, um die Rolle auszufüllen. Als Ophelia wütend wird und sagt: Where is the beauteous Majesty of Denmark? (Dt.: Wo ist die schöne Majestät von Dänemark?), habe ich versucht, mit allem, was ich hatte, auszudrücken, dass Ophelia durchdreht. Ich warf mich auf den Boden und schrie. So eilte mir das Publikum davon. Heute würde ich vielleicht bloß noch in die Leere starren, um den Satz zu sagen. Mit den Jahren lernt man, weniger zu tun. Ökonomie ist auf der Bühne viel wirkungsvoller als jeder Effekt.